Christkind oder Fatschenkind - Wo die Zukunft Gegenwart wird

Figuren, wie sie zur Weihnachtszeit verkauft werden
Weihnachtsmänner und Engel oder sogar Christkinder, wie sie überall zu Weihnachten zu kaufen sind. Foto: Jürgen Priebe, CC BY-NC 2.0

Als Christkind wird heute meist eine Erfindung Martin Luthers bezeichnet, die Ersatzfigur für den heiligen Nikolaus als Gabenbringer für arme Kinder sein soll, eben „das Christkind“. Ob damit tatsächlich der Neugeborene zum heimlichen Gabenbringer an Weihnachten werden sollte, ist fraglich. Verwirrend wird es dazu, wenn der Weihnachtsmann, als Symbolfigur des Schenkens auftritt, dieser geht aber ebenfalls auf den heiligen Nikolaus von Myra zurück und Coca-Cola manifestierte nur die Farben.

Vielen Kindern wird heute die Geschichte vom Christkind erzählt, das im Dezember, am Heilig Abend umhergeht und Geschenke bringt. Manchmal wird das Christkind dabei mit Glöckchen ausgestattet und kleinen Flügelchen.

Maria, Josef und das Christkind
Figuren einer Weihnachtskrippe. Foto: Schmidt/Adveniat

Das Christkind - Mensch und Gott zugleich

Das eigentliche Christkind ist aber der von der Jungfrau Maria in Betlehem geborene Sohn Gottes mit Namen Jesus. Unfassbares Charakteristikum dieses Vorgangs ist nicht nur, dass ein Mensch einen Gott zur Welt bringt, sondern auch, dass dieser Gott ganz Mensch und ganz Gott ist. Seine Menschlichkeit zeigt sich in seiner Teilnahme an der Armut seiner Familie. Er wird nicht in einem Palast, wohl aber in einem Stall oder einer Höhle geboren. Sein Menschsein zeigt sich auch darin, dass er sich selbst nicht helfen kann, sondern auf seine Mutter angewiesen ist, die ihn stillt, wärmt und sauber hält, eben genauso wie alle anderen Kinder auf der Welt. Seine Göttlichkeit zeigt sich im Heer der Engel, ihrem Musizieren, dem Erscheinen der Magier aus dem Osten, die seinem Stern gefolgt sind und im tödlichen Hass des Königs Herodes, der um jeden Preis einen möglichen Konkurrenten aus dem Weg räumen lassen will, wie es in der Weihnachtsgeschichte beschrieben ist.

Jesuskind in einer Krippe
Jesus in Windeln und mit geöffneten Armen am Heilig Abend. Foto: regenmond, CC BY-SA 2.0

Darstellungen als zukünftiger Messias

Mit einem Stilmittel, das anachronistisch erscheint, versuchen Erzähler und Maler des Geburtsereignisses die zukünftige Rolle dieses Kindes mit Namen Jesus als Messias anzudeuten. Über die drei symbolische Geschenke der Heiligen Drei Könige hinaus kommt dies zum Ausdruck:

- in der Darstellung Jesu als Fatschenkind. Das Lukasevangelium berichtet an zwei Stellen (2, 7.12) vom in Windeln gewickelten Jesuskind. Eben ein solches Kind zeigen Krippendarstellungen auf Sarkophagen seit dem 3. Jahrhundert, dann auch andere künstlerische Vergegenwärtigungen. Ein gewickeltes oder faschiniertes Jesuskind (lat. fascia = Binde, Wickelband, Windel; vgl. österreichisch „faschen“ = mit einer „Fasche“ umwickeln; der lat. Begriff „Fascia“ ist abgeleitet von den „Fasces“, jenen Rutenbündeln der Römer, die auch den Faschisten den Namen gegeben haben) –, auch „Fatschenkind“ , entspricht der biblischen Vorgabe. Unwillkürlich erinnert das faschinierte Jesuskind an den gefesselten Jesus, der vom Ölberg zu seiner Verurteilung nach Jerusalem geführt wird..

- in der Lage in der Krippe mit ausgebreiteten Armen. Liegt das Jesuskind nicht faschiniert in der Krippe, so wird es meist mit ausgebreiteten Armen dargestellt, wie der am Kreuz erhöhte Messias: die ganze Welt umfangend.

- am Kreuz in der Krippe. Aus der - theologisch hintersinnigen - Legende, das Holz der Krippe und des Kreuzes stammten vom gleichen Baum, entstand im 16. Jahrhundert die Idee, bei bildlichen Krippendarstellungen im Stall ein Kreuz zu zeigen, um auf den Kreuzestod dieses Kindes hinzuweisen.

Intention der Darstellungen des Christkindes

Die variierenden Stilmittel wollen klar anzeigen, es geht hier nicht um eine süßliche Geburtsdarstellung mit etwas außergewöhnlichem familiärem Kolorit, sondern um die Geburt des Messias, es wird zu einem „Heilig Abend“. Gott wird Mensch, um sich selbst zum Opfer zu bringen. Diese Zielrichtung des Lebens Jesu ist kein Ergebnis seiner Lebensweise, sondern göttlicher Plan schon vor seiner Geburt. Weihnachten wird damit zu mehr als die Geschichte vom Nikolaus, oder Abkupferungen wie der Weihnachtsmann und die Zeit im Dezember zu einer besinnlichen Zeit zur Vorbereitung auf den Heilig Abend.

© Manfred Becker-Huberti

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