Frautragen - Herbergssuche heute

Männer in Bolivien tragen eine Marienfigur
Marienprozession in Bolivien. Foto: Escher/Adveniat

Die vergebliche Suche von Maria und Josef nach einer Herberge in Betlehem wurde und wird im Dezember, besser gesagt im Advent, nachgespielt als „Herbergssuche“. Meist übernehmen ein Mädchen und ein Junge die Rolle von Maria und Josef, ein Mann die Rolle des Herbergsvaters. Oft ist dies aber auch an Weihnachten in die Weihnachtsgeschichte mit integriert. Beliebt ist dabei das folgende Lied:

Wer klopfet an?'
Oh zwei gar arme Leut'.
Was wollt ihr denn?
Oh gebt uns Herberg heut!
Euch durch Gottes Lieb' wir bitten,
öffnet uns doch Eure Hütten!

O nein, o nein!
Ach lasset uns doch ein!
Das kann nicht sein!
Wir wollen dankbar sein.
Nein, es kann einmal nicht sein,
drum geht nur fort, Ihr kommt nicht rein!

In einem anderen Herbergslied wird die Konsequenz der verweigerten Herberge dargestellt:

Komm Sünder her!
Jetzt Sünder hör’ mich an,
Ja, komm nur her. Und hör’ was du getan.
Du hast Jesum so verstoßen,
hast ihm jede Tür verschlossen.
O Sünder wein’! o sieh dein Jesulein
muss jetzt, o Pein, im kalten Stalle sein.
O wie grausam ist die Sünd’,
die so verstößt das beste Kind!

Neue Form

Im 16. Jahrhundert wurde die Herbergssuche neu geformt und entfaltet. Jugendliche ziehen von Haus zu Haus und singen mit verteilten Rollen ein Herbergslied.

Frautragen

Eine besondere Form der Herbergssuche ist das Frautragen. In der Adventzeit wird eine Marienplastik oder ein Marienbild (Mariä Heimsuchung, Maria gravida, Herbergssuche), die sogenannte Frautafel, an den neun letzten Abenden vor Weihnachten in einigen Gemeinden von einem Haus in das andere getragen. Dort wird sie auf einem Hausaltar zur Andacht für die Familie und die Nachbarschaft aufgestellt.  An Weihnachten selbst gelangt die Frautafel schließlich in die Kirche, um nach dem Gottesdienst an ihren ursprünglichen Ausgangsort zurückzukehren.

Verbreitung des Frautragens

Den Brauch des Frautragens - unpräzise meist als „Frauentragen“ bezeichnet (der Plural  „Frauen“ ist unzutreffend) -, als wandernde Muttergottesandacht ist in Baden bekannt. Frautragen wird ansonsten auch „Madonna itinerante“ genannt und hat es im gesamten deutschsprachigen Raum gegeben.Es besteht in Tirol und der Steiermark ,trotz verschiedener historischer Verbote, bis heute fort. In den deutschsprachigen Teilen Europas hat sich das Frautragen in den letzten Jahrzehnten wieder verbreitet. In der Obersteiermark gibt es parallel das Josefitragen im Dezember.

Bedeutung für Orden

Das Frau- und das Josefitragen sind als Form gegenreformatorisch-barocker Frömmigkeit von den Jesuiten und Franziskanern gefördert worden. Eine moderne Variante hat Frankreich im Jahr 1944 begründet: Vier Kopien des Gnadenbildes von Boulogne wurden auf der „Grand Tour de Notre Dame de Boulogne“ durch Frankreich geführt. Dies wiederum war Vorbild für die Kapuziner in Locarno, Schweiz. Sie sandten lange vor Weihnachten, am 3. März 1949, ihre Madonna del Sasso auf eine viermonatige Pilgerreise durch das ganze Tessin, um in der in Sünde verharrenden Welt ein Zeichen zu setzen.

© Manfred Becker-Huberti

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