Joseph - Von einem Mann am Rande, der seine Hosen hergab

© Schmidt/Adveniat

Treffend hat ein Autor kürzlich sein Buch über den heiligen Joseph mit dem Titel: „Der Mann am Rande“ überschrieben. Joseph, der Ziehvater Jesu, war derart weit am Rande, dass er auf frühen Darstellungen der Geburt Jesu sogar über den Bilderrand gefallen scheint: Er fehlte bei diesen Geburtsdarstellungen völlig. Dann erst wird er Teil der Geburtsszene, allerdings heißt dieser Darstellungstyp Josephszweifel: Joseph wird - fast schlafend - niedergedrückt, sinnend gezeigt. Erst sehr viel später übernimmt er in den künstlerischen Darstellungen kleinere Aufgaben: Er bereitet das Bad Jesu vor, kocht ein Süppchen, gibt seine Hosen für das Jesuskind her (Josephshosen).

Darstellung Jesu als verwundbar

Die Windeln Jesu erinnern nicht nur offensichtlich an den später in Leinentücher liegenden Leichnam Christi. Die Windeln Jesu verdeutlichen auch eine theologische Aussage. Hier wird nicht nur der Gott gezeigt, der sich in aller Form als Teilnehmer des Menschseins zeigt, er ist wirklich Mensch, hilflos und verletzlich. Zwar werden auch Götter von Jungfrauen geboren, sind Kinder, so wie Jesus ein Kind war. Während antike Gottheiten aber als Kleinkinder bereits mit aller Macht und Herrlichkeit wirken, an der Mutterbrust liegen und gleichzeitig Schlachten lenken, gibt sich Jesus ganz in seine Erniedrigung. Das ärmliche Ambiente der Geburtshöhle oder des Stalls widersprach dem bekannten Darstellungstyp kindlicher Herrschergestalten. Eine besondere Akzentuierung erhält dieses Motiv durch die so genannten Josephshosen.

Die Josephshosen

Nicht in der Bibel, wohl aber in der außerbiblischen Literatur wird berichtet, dass Maria kaum etwas besessen habe, um das Jesuskind zu wickeln. Joseph habe deshalb aus seinem Mantel eine Wickelschnur, aus seinem Hemd eine Windel gemacht. Er habe sogar seine Hosen ausgezogen, um das Kind vor der Kälte schützen zu können. Unter der Josephshose darf man sich nun keine moderne „Hose“ vorstellen. Eher waren dies lange Strümpfe. In dem alten Lied „In Teutschen singen uns die Kindt“ heißt es: „Wie baldt daß Joseph die Redt vernam, Sein hosen von seinen Beinen nam. Er warft sie Maria in ihr schoß, Darin schlug sie gott den hern groß. Die ein war weiß, die ander grah, Die zeigt man noch zu Aachen da - Zu Trier gesehen ein tewlich Kleidt, Da Crist der her den thodt jn leidt“. Wie in Trier der Heilige Rock werden in Aachen - neben anderen „Heiltümern“ - die Josephshosen und die „Windeln, in die das Jesuskind gewickelt wurde“, gezeigt. Zahllose Menschen sind wegen dieser Utensilien, die Jesus bezeugten und ihn selbst berührt haben sollen, nach Aachen gepilgert und pilgern immer wieder im Siebenjahrsrhythmus hin. Theologisch bedeuten die Josephshosen zweierlei: Zum einen untermalen sie das Bild vom hilflosen und armen Mensch gewordenen Gott. Zum anderen signalisieren sie jedem Betrachter: Mach’s wie Joseph, selbst wenn du nichts besitzen solltest, kannst und sollst du helfen. Gott hat sich so klein gemacht, dass der Geringste unter den Menschen ihm helfen muss. Hilfe wird hier nicht humanistisch verstanden („Ich helfe dir, damit du mir hilfst“), sondern christlich („Ich helfe dir um Christi Willen“).

Joseph_Flickr_Lawrence OP

Joseph als Erzieher

Joseph, der Mann am Rande, steht im Zentrum, wenn es den biblischen Autoren um den Nachweis geht, dass Jesus aus dem Geschlecht Davids stammt. Als solcher wird Joseph eingeführt, der aber als Nährvater Jesu, nicht als der genetische Vater Jesu gilt. Joseph hat Zweifel gehabt. Viermal erscheint ihm ein Engel im Traum (Mt 1, 20; 2, 13.19.22): Joseph lässt sich einfordern und in die Pflicht nehmen. Die sprichwörtliche Randfigur ist Joseph - zumindest in Kunst und Literatur - bis in das 19. Jahrhundert geblieben, bis die Entdeckung der Kindheit aller Kinder die Rolle der Erzieher in den Vordergrund stellte und - aus biblischem Blickwinkel - die Kinderstube Jesu in Nazareth als beispielhaft vorgeführt wurde. Die zeitgenössische Zeigefingerpädagogik hat es oft penetrant verstanden, unter Hinweis auf den natürlich stets liebenswerten Jesusknaben entsprechende Forderungen an die eigenen Kinder abzuleiten.

Joseph als Heiliger

Eine Gegenbewegung gegen den bedeutungslosen „Mann am Rande“ gibt es seit dem 14. Jahrhundert, als Bernardin von Siena, Bernhard von Clairvaux, Ignatius von Loyola, Teresa von Avila und Franz von Sales den heiligen Josef neu zu sehen begannen. Auch in der Gegenwart gibt es eine neue Entwicklung: Jüngere Autoren suchen wieder einen neuen Zugang zu diesem Menschen. Der 19. März wird seit dem 10. Jahrhundert als Gedenktag gefeiert, vielleicht mit der Absicht, das Fest der Minerva, der Göttin der Handwerker, zu überdecken oder zu ersetzen. Der Franziskanerpapst Sixtus IV. (1471 - 1484) bestätigte offiziell diesen Festtag. Das Konzil von Trient schloss sich dem an. Die Habsburger erkoren den heiligen Josef zu ihrem Hausheiligen. Nachdem Kaiser Ferdinand II. (1619 - 1637) 1620 mit einem Bild des Heiligen in die Schlacht gegen die pfälzisch-böhmische Armee am Weißen Berg gezogen war und den Sieg errang, wurde der Josefstag zum Feiertag. Seit 1621 fand sich der Josefstag als Feiertag im römischen Kalender, im Mai 1676 wurde Josef zum Hauptpatron des römischen Reiches, 1870 Schutzheiliger der ganzen Kirche.

Gedenken an Joseph

Das Fest „Heiliger Josef, der Arbeiter“, hat Pius XII. 1955 eingeführt, ein Gedenktag, der den Nährvater Jesu mit dem Tag der Arbeit am 1. Mai, der schon vorher im außerkirchlichen Raum begangen wurde, in Verbindung bringen soll. Der 19. März gilt als Josefitag. Josef ist der Schutzpatron der Arbeiter und besonders der Zimmerleute. Kärnten, Steiermark und Tirol haben ihn zum Patron gewählt.

© Manfred Becker-Huberti

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