Die Kerze - Ein heißer Stellvertreter

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Das Licht hatte in einer Zeit, als die Kerze der normale Lichtspender war, nicht nur die vordergründige Bedeutung von Helligkeit, sondern symbolisch auch von Reinheit. Nach jüdischer Tradition steht das Kerzenlicht für Körper und Seele. Die Flamme ist die Seele, weil sie immer nach oben strebt. Kerze und Flamme zusammen versinnbildlichen den Menschen. Die Begründung sehen die Juden im Buch der Sprüche 20, 27: Die Seele des Menschen (hebr. neschama, auch: Geist, Atem) sei als Licht des Herrn (hebr. ner, Lampe, Leuchte) zu verstehen. Die Symbolik der Kerze flackert zwischen Be-leuchtung und Er-leuchtung.

Die Kerze als Zeichen der Verehrung

Von hier versteht sich auch das christliche Kerzenopfer, das Aufstellen einer Kerze zur Verehrung Gottes oder eines Heiligen: Die Kerze steht sinnbildlich für den Beter. Seine Verehrung richtet sich nach oben, an Gott. Wenn der Beter längst gegangen ist, bleibt die Kerze als sein Stellvertreter zurück. Und dabei verhält sie sich, wie ein Christ: Sie spendet anderen Licht und Wärme, dabei opfert sie sich selber auf, bis nichts mehr von ihr vorhanden ist. Keine Kerze existiert nur für sich, sondern sie gewinnt nur dann Sinn, wenn sie sich für andere aufzehrt.

Farbsymbolik

Die Farbe einer Kerze kann auf den Spender oder auf den Zweck verweisen: Weiße Kerzen stehen für Männer, rote für Frauen, schwarze Kerzen waren Wetterkerzen, geweihte Kerzen, die bei Gewitter angezündet wurden. Der Brauch, in einem Trauerhaus sieben Tage lang ein Licht brennen zu lassen, wird erstmals in der jüdischen Literatur des 13. Jahrhunderts erwähnt. Wie weit hier ein Zusammenhang mit dem ewigen Licht auf christlichen Gräbern besteht, ist nicht geklärt.

Sonderformen

Neben den normalen Gebrauchskerzen von früher und heute gibt es spezielle Kerzen, z.B. jene, die auf den Christbaum gesteckt werden und heute meist durch elektrische Kerzen ersetzt sind. Und es gibt Sonderformen für besondere Anlässe: Jedes Jahr wird eine neue Osterkerze aufgestellt, die durch ihr Licht bezeugt: Hinter dem Tod wartet das Leben. Besondere Kerzen für einen jeden Menschen sind auch seine Taufkerze, die Kerze zur Erstkommunion und natürlich die Hochzeitskerze, nicht zu vergessen die Sterbekerze, die dem Sterbenden als Licht der Hoffnung scheint.

"Darstellung des Herrn"

Heute hat das Fest „Darstellung des Herrn“ am 2. Februar wieder seinen alten Namen zurück erhalten. Früher hieß dieser Tag „Maria Lichtmess“, eine Bezeichnung, die noch vielen Menschen geläufig ist. In alten Zeiten war dies der Tag, an dem man den Jahresbedarf seiner Kerzen in die Kirche brachte, um sie segnen zu lassen. Kerzenlicht war für unsere Vorfahren nicht bloß ein Beleuchtungsmittel.

© Manfred Becker-Huberti

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