Krippe - Glaubenslehre dreidimensional

Krippe mit Figuren
Krippe aus Lateinamerika. Foto: Hellwig/Adveniat

Die westgermanische Wortbildung „Krippe“ hat die Bedeutung von „Flechtwerk, Geflochtenes“; sie gehört zu einer indogermanischen Wortwurzel, die „drehen, wenden, flechten“ ausdrückt. Diese alte Bedeutung ist noch in dem Substantiv „Krippe“ und dem Verb „krippen“ enthalten, wenn „Krippe“ ein Weidengeflecht zum Schutz von Deich- und Uferstellen und „krippen“ die Tätigkeit des Schützens mit diesem Material bedeutet. „Krippe“ wurde auch auf geflochtene Futtertröge angewendet, wie sie vornehmlich in frühen Darstellungen der Krippenszene im Stall erscheinen. Später bezeichnete „Krippe“ auch hölzerne und steinerne Futtertröge. In diesem Zusammenhang meinen Krippen heute meist Weihnachtskrippen, durch die mit statischen Krippenfiguren die Geburtsszene inszeniert wird. Im süddeutschen und alpenländlichen Bereich benennt „Krippe“ auch jene Darstellungen dieser Art, die sich nicht auf die Geburt Jesu beziehen, z. B. Leiden und Tod Jesu (Fasten- und Passionskrippe). Als Kinderkrippen, die inhaltlich wiederum von den Weihnachtskrippen als Aufenthaltsort für das Jesuskind abgeleitet werden, werden heute auch Kindertagesstätten für Kleinkinder benannt. In der Verniedlichungsform Krippchen bezeichnet das Wort - vornehmlich im Rheinland - als Sammelbegriff die Puppenbühnen, die das Krippenspiel u.ä. übernommen hatten.

Symbol für die Aufnahme Jesu Christi

Jesus in der Krippe symbolisiert die biblische Aussage: „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf“ (Joh 1,11a). Und die Krippe initialisiert den zweiten Satz dieses Bibelverses: „Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden“ (Joh 1,11b). Wer Jesus Christus – wie in der Krippe – bei sich aufnimmt, wird auch von Gott angenommen werden.

Krippe in der Kirche

In der „Mutter aller Marienkirchen“, S. Maria Maggiore, nach 420 auf dem Esquilinhügel in Rom erbaut, wird eine (inzwischen als unecht erkannte) Krippenreliquie aus fünf Holzbrettchen aufbewahrt. Der Tradition nach wurde in dieser Kirche seit je her zu Weihnachten ein Krippengestell mit einem Jesuskind aufgebaut, erstmals zu belegen für das Jahr 1291.

Usprünge der figürlichen Krippe

Einige Jahre zuvor, 1223, hatte Franz von Assisi statt einem traditionellen Krippenspiel in der Kirche in Greccio, außerhalb der Kirche, eine neuartige Krippe inszeniert. Er ließ eine reale figürliche Krippe mit lebenden Krippenfiguren, wie Personen und Tieren im Stall aufstellen. Die dreidimensionale figürliche Darstellung hat die Menschen nicht nur in Italien stark beeindruckt. Sie führte dazu, dass sich der Bau von Krippen aus unterschiedlichen Materialien in oder meist bei den Kirchen um Weihnachten herum ausbreitete.

Dreidimensionale Krippenform als Zeichen der Zeit

Die von Franziskus umgesetzte Krippentypologie entsprach vollkommen der herrschenden Auffassung. Was bislang auf Tafelbildern zu sehen war, wurde dreidimensional durch lebende Krippenfigurenausgedrückt. Die lebenden Personen realisierten sich in der Folge aber nur in den Krippenspielen, während die Krippennachbauten fast ausnahmslos in Form von Holz- oder Tonplastiken gestaltet wurden.

© Hellwig/Adveniat

Ausbreitung der figürlichen Krippe

Für 1384 lassen sich erste figürliche Krippen in den Kirchen Italiens nachweisen. Im 15. Jahrhundert breitet sich dieser Brauch in Italien aus, kommt im 16. Jahrhundert in Süddeutschland an. Die erste Hauskrippe soll 1560 in einem Adelshaus in Italien aufgebaut worden sein.

Krippenbau in Deutschland

In Deutschland wird der Krippenbau im 17. und 18. Jahrhundert durch die Katholische Reform propagiert. Epiphanie und Theophanie sollen verinnerlicht und in die Gegenwart geholt werden. Gott ist nicht nur damals in Menschengestalt in die Welt gekommen, die Inkarnation geschieht permanent, nicht zuletzt in jeder Eucharistiefeier. Weil die Menschen Kinder Gottes sind.

Krippen zur Zeit der Aufklärung

Die Aufklärung des 18. Jahrhunderts bekämpfte alles, was nicht rational war. Krippen gehörten dazu. Sie wurden in den Kirchen schlicht verboten. Das aber traf die kleinen Leute am Nerv. Sie revoltierten auf ihre Art und begannen selber Krippen zu bauen und stellten sich diese zu Hause auf und protestierten so gegen das staatliche Verdikt, das übrigens nach relativ kurzer Zeit wieder zurückgenommen wurde. Die Krippen waren aber in den Familien heimisch geworden.

Symbol für die Menschwerdung Gottes

Weihnachtskrippen sind ein dreidimensional inszeniertes uraltes Programm: Ecce homo – ecce deo, vielleicht zu übersetzen mit: Wer diesen Menschen sieht, sieht Gott. Die Lehre von der Hypostatischen Union (Gott und Mensch zugleich) wird aus der hohen Theologie in das Alltagsleben hineingeholt. Bestandteil des Glaubens wird sie weniger über das Hirn als durch das Herz. Dieses in der Weihnachtskrippe dargestellte Gottesbild hat eine Konsequenz, denn davon abzuleiten ist der Mensch: Geschaffen nach Gottes Bild - in Jesus Christus werden die Menschen Gotteskinder.

"Gefäß für die Lehren des Glaubens"

Der Priesterdichter Peter Dörfler (1878 - 1955) erklärte dies so: „Der Wein der Religion wird im Kelch der Heimat gereicht. Das Gotteshaus, der Friedhof, die Kapelle, der Herrgottswinkel, das Kirchenjahr mit seinen Festen und Bräuchen - zuvörderst die Krippe darin - all das sind doch die Gefäße, in denen die Lehren des Glaubens dargereicht werden.“

© Manfred Becker-Huberti

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