Ochs und Esel – Zwei, die für andere stehen

© Norbert Schnitzler, CC BY-SA 2.0

Das Pseudo-Matthäus-Evangelium aus dem 8./9. Jahrhundert, eine Komposition verschiedener Texte zu einer Schrift mit dem Titel „Über die Geburt der seligen Maria und die Kindheit des Erlösers“, berichtet im 14. Kapitel:

„Am dritten Tag nach der Geburt des Herrn verließ Maria die Höhle und ging in einen Stall. Sie legte den Knaben in eine Krippe; Ochs und Esel huldigten ihm. Da ging in Erfüllung, was der Prophet Jesaja gesagt hatte: „Es kennt der Ochse seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn.“ Die Tiere nahmen ihn in ihre Mitte und huldigten ihm ohne Unterlass. So erfüllte sich der Ausspruch des Propheten Habakuk: „In der Mitte zwischen zwei Tieren wirst du bekannt werden.“ An demselben Platz blieben Josef und Maria mit dem Kind drei Tage lang.“

Einführung von Ochse und Esel

Hier also werden im 7./8. Jahrhundert die mindestens seit dem 3. Jahrhundert bildlich dargestellten Ochs und Esel unter Bezug auf die alttestamentliche Stelle (Jes 1,3) literarisch eingeführt: „Der Ochse kennt seinen Besitzer / und der Esel die Krippe seines Herrn; Israel aber hat keine Erkenntnis, / mein Volk hat keine Einsicht.“ Das Habakuk-Zitat 3, 2 findet sich in der zitierten Form nur in der Septuaginta. Diese apokryphen Texte, die im Laufe der Geschichte in Literatur und Kunst immer weiter ausgemalt wurden, prägten die Geburtsdarstellungen maßgeblich.

Symbolische Bedeutung von Ochse und Esel

Ochs und Esel, die im kanonischen biblischen Bericht nicht vorkommen, gehören zur „Grundausstattung“ jeder Krippendarstellung. Sie sind nicht nur an die Krippe gestellt worden, um den realen Ort, eine Höhle oder einen Stall als Unterstand für das Vieh, zu kennzeichnen, sondern weil sie darüber hinaus Symbolcharakter haben. Bei Jesaja 1,3 heißt es: „Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe des Herrn; Israel aber hat keine Erkenntnis, mein Volk hat keine Einsicht.“ Die Christen haben diese Textstelle des Alten Testamentes auf Jesus bezogen, sie entsprach dem theologischen Denken: „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf“ (Joh 1, 11). Der Esel steht für die Juden, der Ochse für die Heiden. Beide haben ihren Ort an der Krippe, beide sind gleichberechtigt berufen, Volk Gottes zu sein. Das Volk Gottes ist der Grund der Menschwerdung Gottes und deshalb von Anfang an symbolisch anwesend. Der Esel als Tier der Demut ist gleichzeitig Metapher für Jesus Christus, der sich als Gott so klein macht, wie der kleinste abhängige Mensch. Der Ochse als das alttestamentliche Opfertier verweist auf den Opfertod Jesu am Kreuz.

Älter als die Darstellung Marias auf dem Liegebett (griech. kline) mit dem Jesuskind in der Krippe daneben, später auch mit Josef, ist die Darstellung der Krippe, hinter der Ochs und Esel stehen. Die Krippe mit dem Kind und mit Ochs und Esel ist die älteste Geburtsdarstellung. Ochs und Esel stehen so hinter der Krippe, dass sich ihr Atem überkreuzt, also das Kreuzzeichen bildet. Damit wird die Bestimmung dieses Kindes, das als Mann am Kreuz den Tod der Erlösung sterben wird, ausgedrückt.

Symbol für die Eucharistie

Die gleiche Stellung ist aber auch ein Hinweis auf die Eucharistie. Der Leib Christi liegt in der Krippe wie auf einem Altar. Und dass in dem Kind in der Krippe auch die Eucharistie gesehen wurde, belegen nicht nur die legendarischen Erzählungen von eucharistischen Wundern, bei denen Heiligen während der Messe das Jesuskind auf dem Altar erschien. Die Krippenszene wird als Altarbild dargestellt oder bei einem anderen Altar des 19. Jahrhunderts wird die Krippe in Spannung gesetzt zur Einsetzung der Eucharistie im Abendmahlssaal zu Gründonnerstag.

© Manfred Becker-Huberti

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