Sankt Nikolaus - Einer, der anderen den Himmel offen hält

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Wer Augen hat, zu sehen, entdeckt auch hinter dem Weihnachtsmann, dem verweltlichten Bruder des hl. Nikolaus, den jung gebliebenen, alten, immerjungen heiligen Bischof mit seiner stets aktuellen Botschaft. Denn die hat sich in Legenden und Brauchtum erhalten. Nikolaus wird immer noch als Heiliger verehrt, auch wenn sein Bild übertüncht wird durch die Kommerzialisierung des Weihnachtsmannes als Geschenke-Onkel.

Der historische Nikolaus

Wir wissen heute, dass es mit großer Wahrscheinlichkeit einen Nikolaus als Bischof von Myra in Kleinasien im 5. oder 6. Jahrhundert gegeben hat. Wann genau er gelebt hat, kann niemand mehr belegen. Dieser Heilige gewann schon früh eine derart überragende Bedeutung, dass ihm die Apostelgleichheit zuerkannt wurde. Ein bulgarisches Sprichwort sagt sogar: „Wenn Gott stirbt, dann wählen wir den heiligen Nikolaus zu seinem Nachfolger!“

Der heilige Nikolaus als Schenker

Der heilige Nikolaus wurde zum Heiligen der Kinder. Er schenkt unerkannt und heimlich, so wie er in einer seiner Legenden drei Mädchen durch das „Einwerfen“ von ererbtem Gold vor Schande bewahrt. Er legt als Heiliger seine Geschenke in ein „Nikolaus-Schiff.“ Das ist ein von Kindern gebastelter Gabenteller, der erst später durch Stiefel, Schuh, Strumpf oder Teller ersetzt wurde. Entstanden ist das „Schiffchensetzen,“ ein seit dem 15. Jahrhundert bekannter Brauch, durch das Schifferpatronat des Heiligen. In einer seiner Legenden rettet er nämlich Bootsfahrer. Nikolauskirchen finden sich daher in fast allen See- und Binnenhafenstädten.

Bräuche bei Katholiken und Protestanten

Das Kinderbeschenken durch einen Heiligen, das auch im Hause Martin Luthers gepflegt wurde, war reformationstheologisch aber fragwürdig: Weil die Heiligenverehrung abgeschafft wurde, durfte natürlich auch die Kinderbeschenkung die Heiligen nicht mehr populär machen. Martin Luther erfand deshalb das Christkind, das nun zu Weihnachten die Kinder bescherte. Aber die reformierten Niederländer widersetzten sich. Sie feiern bis heute Nikolaus und bescheren immer noch an diesem Tag. Gleiches taten die Katholiken, bis im ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert eine Brauchangleichung stattfand: Das „Christkind“ wurde „katholisch“ und der Christbaum zog in die katholischen Häuser ein, dafür fand die Weihnachtskrippe Zugang in evangelischen Familien.

Veränderung des Brauchtums

In der Zeit der Gegenreformation war das mittelalterliche Nikolausspiel zum Einkehrbrauchtum umgeformt worden: Nikolaus besucht seitdem höchstpersönlich die Kinder einer Familie zu Hause und befragt sie, ob sie ihre Gebete verrichteten, ausreichendes religiöses Wissen besitzen und brav waren. „Liebe“ Kinder erhalten Geschenke, „bösen“ droht die Ermahnung. Der Nikolaus-Begleiter mit Namen „Knecht Ruprecht“ kommt meist mit dem Heiligen, liegt aber als „schwarzer Mann“ an einer Kette. Er symbolisiert das Böse, das Teuflische, das dem Guten dienen muss.

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Der "böse Nikolaus"

Die Aufklärung schließlich brachte eine „Persönlichkeitsspaltung“ des Nikolaus. Im kirchlich-katholischen Bereich blieb der Heilige erhalten; von ihm spaltete sich der „böse Nikolaus“ ab, der Nikolaus und Knecht Ruprecht in einer Person darstellt. Für seine eigenen Kinder zeichnete der Frankfurter Arzt Heinrich Hoffmann den 1845 erstmals im Druck erschienenen Struwwelpeter. Diese von zeitgemäß bürgerlicher Anpassungs- und Drohpädagogik gespeiste Bildgeschichte greift die Figur des Nikolaus (nur noch am Namen und der roten Farbe des Mantels und der Zipfelmütze erkennbar) auf, füllt sie inhaltlich aber völlig anders: „Niklaus“, „bös und wild,“ steckt Kinder in ein Tintenfass und macht sie „schwarz,“ statt ihnen zu helfen.

Säkularisierung

Die evangelischen Niederländer, die sich ihren heiligen Nikolaus von Luther nicht hatten nehmen lassen, importierten ihn in die Neue Welt. Aus Sinte Klaas wurde Saint Claus und schließlich Father Christmas, den die Coca-Cola-Werbung in ihren Hausfarben Rot-Weiß populär machte. In diesem Outfit wurde er nach dem Ersten Weltkrieg nach Europa reimportiert und mutierte hier zum Weihnachtsmann. Dieser säkularisierte Nikolaus hatte im 19. Jahrhundert aber auch seinen deutschen Vorläufer: „Herrn Winter,“ einen alten Mann mit Kapuze, Weihnachtsbaum und Geschenken. Als Väterchen Frost machte dieser Typ im „Ostblock“ Karriere. Hier konnte er den Brauchbedarf befriedigen, war aber von den christlichen Festquellen gekappt.

Rückbesinnung auf den heiligen Nikolaus

Was ist geblieben? Der heilige Bischof hat es heute schwer. Sein kommerzieller Widerpart hat nach wie vor Konjunktur. Aber: Wenn die Menschen des Weihnachtsmannes längst überdrüssig sein werden, ist der heilige Nikolaus noch lange nicht reif für den Schrottplatz der Frömmigkeit. Er ist als Patron zahlloser Kirchen, Kapellen, Altäre und Orte überall gegenwärtig. Es hat eine Besinnung eingesetzt, die den heiligen Nikolaus wieder zu entdecken sucht.

Die Bedeutung des Schenkens zu Nikolaus

Vielleicht gelingt es wieder, mehr Menschen das zu erschließen, was Nikolaus so faszinierend gemacht hat: Dieser Bischof ist einer, der anderen vormachte, wie man heilig wird. Besitz dient ihm nicht zur Repräsentation oder als Machtfaktor, sondern ist für ihn Geschenk Gottes, das dann Früchte bringt, wenn man es weitergibt. Schenken heißt bei Nikolaus: den Weg zu Gott frei räumen. Geschenkt wird nur vordergründig materiell - eigentlich wird das ewige Leben geschenkt. Und unsere Nikolausgeschenke sollen ein wenig an diese Art des Schenkens erinnern. An diesem Tag soll für den Beschenkten und den Schenker der Himmel ein wenig die Erde berühren.

„Heilig“ umfasst bei Nikolaus auch noch das körperliche Heilsein. Der Schenkende erledigt keine religiösen Pflichten, kauft sich nicht Anerkennung oder Liebe, er gibt einen Teil von sich - und das ohne „Quellenangabe.“ Je mehr der verweltlichte Nikolaus als Weihnachtsmann zum simplen Kaufanreiz verzweckt wird, desto reizloser wird sein Image.

Was könnte unsere Zeit mehr gebrauchen als eine Leitfigur, die jeder Käuflichkeit widerspricht?

© Manfred Becker-Huberti

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