Spekulatius - Bischöfliches Prüfen wird zum Gebäck

© Hellwig/Adveniat

Erst die dritte Stufe des Nikolausbrauchtums kennt den Hausbesuch des Heiligen. In Antwort auf die Reformation, die den Nikolaus und sein Brauchtum abzuschaffen sucht, gehen die Katholiken in die Offensive. Nikolaus taucht in den Familien so auf, wie das Konzil von Trient die Pflichtbesuche des Bischofs in seinen Gemeinden angeordnet hat. Der Bischof kommt hochoffiziell, also in bischöflicher Ausstattung mit Mitra, Stab, Brustkreuz, Ring und liturgischer Kleidung und führt eine „Visitation“ durch. Er prüft, ob alles mit rechten Dingen vorgeht, er hinterfragt Unverständliches und fragt nach Fehlverhalten, Missbräuchen usw., die ihm zu Ohren gekommen sind.

Das Nikolausfest als Gericht

Die Brauchfigur Nikolaus bezieht sein Wissen aus dem „Goldenen Buch“ (mancherorts hat sich das Buch bereits dualisiert zu einem „Goldenen“ und einem „Schwarzen Buch“). Die Heilige Schrift kennt ein „Buch des Lebens“, das beim „göttlichen Gericht“ aufgeschlagen wird. Es enthält das vorgezeichnete Lebensschicksal. In der Offenbarung des Johannes ist in der Gerichtsszene noch von anderen Büchern als nur dem „Buch des Lebens“ die Rede: „Die Toten werden nach ihren Werken gerichtet, wie es in den Büchern aufgezeichnet war“ (Offb 20, 12; vgl. Dan 7, 10). Das biblische Symbol des Buches für die Allwissenheit Gottes, der die Menschen nach ihrem Tun individuell richtet, wurde volkstümlich zu einem realen Buch (resp. zwei Büchern), in dem gute und schlechte Taten fein säuberlich verzeichnet sind. Das reale Gericht erfolgt aber nicht erst am Lebensende, sondern - aus didaktisch leicht erkennbaren Gründen - jährlich am Nikolaustag.

Hintergründe des Spekulatius

Wenn der Bischof Nikolaus visitiert, dann geht das nicht ohne seine Augen. Er muss nachsehen und anschauen, was es zu bewerten gilt. Im Lateinischen heißt diese Art des Sehens „speculari“ - spähen, sehen, gewahr werden. Aus diesem Wort hat sich das englische Wort für Brille, „spectacle“ entwickelt und das deutsche „spekulieren“. Aber nicht nur. Weil der Bischof als „Spekulator“ auftritt, entstand ein Gebäck - der Spekulatius. Der Spekulatius ist ein Formgebäck aus dem holländisch-niederrheinischen Gebiet. Es entsteht mit Hilfe von Modeln, in die der Teig hinein gepresst wird. Dargestellt werden der Heilige, Szenen der Legende und regionale Motive. Die Modeln aus Holz und Ton lassen sich bis in das 16. Jahrhundert zurückverfolgen. Das möglicherweise zunächst nur in Verbindung mit dem Nikolausfest hergestellt Gebäck, wird heute auch zu St. Martin, im Advent und Weihnachten gereicht.

Christliche Feste als sinnliche Feste

Spekulatius, das Hausgebäck des heiligen Nikolaus, ist einer der vielen Belege für die Tatsache, dass jedes religiöse Fest anders schmeckt, riecht, sich anfasst usw. Christliche Feste sind sinnliche Feste, sie lassen sich über alle Sinne erschließen.

© Manfred Becker-Huberti

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