Weihnachtslieder - Warum Weihnachten ein soziales Fest ist

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Das Weihnachtslied hat nicht nur eine lange Geschichte mit vielen Entwicklungsstufen durchgemacht, sondern - wie viele andere religiöse Bräuche auch - seinen Ursprung in der Liturgie. Seit dem 3. Jahrhundert sind für Weihnachten spezielle Hymnen und Responsorien nachgewiesen, die aber wiederum ältere Vorlagen haben. Der von Martin Luther - nicht als erstem - übersetzte altkirchliche Hymnus „Veni redemptor gentium“ zu „Nun komm, der Heiden Heiland“ (1524) wird auf das Jahr 386 datiert und dem Mailänder Bischof und Heiligen Ambrosius (334 - 397) zugeschrieben.

Weihnachtslieder im Mittelalter und der frühen Neuzeit

Schon die Gesänge des Mittelalters und der frühen Neuzeit waren dialogisch angelegt: Sie waren Wechselgesänge, hatten Strophen und Refrains. Vor, während und nach der Reformation wurden in den Kirchen Krippenspiele aufgeführt, die mit Liedern angereichert waren, die die Gemeinde mitsang; Elemente solcher Feiern vor dem Weihnachtsgottesdienst waren: Herbergssuche und Geburt, Kindleinwiegen (Wiegenlieder), Verkündigung auf dem Felde, Anbetung der Hirten an der Krippe. Später verselbständigten sich einige dieser Elemente zu Liedern bei ländlichen Umzügen (Frautragen).

Das Kindelwiegen

Das Kindelwiegen (Kindleinwiegen) gehörte im Mittelalter zur festen Einrichtung der Weihnachtszeit. Ungeklärt ist, ob er von den Frauenklöstern ausgegangen ist. In der Kirche war eine Krippe aufgestellt, in der eine Christkindfigur lag (Fatschenkind). Das „liturgische Szenario“ beschreibt der Straubinger Humanist Thomas Kirchmayr in der Mitte des 16. Jahrhunderts. Er erzählt von Mädchen und Jungen, die vor einem auf den Altar gelegten hölzernen Christkind tanzten und „zierlich“ herumsprangen. Die Erwachsenen begleiteten die von den Kindern gesungenen Weihnachtslieder mit Händeklatschen. Zu entsprechenden Weihnachtsliedern, die in Melodie, Rhythmus und Wort dazu passten, wurde das Jesuskind in seiner Wiege gewiegt (Wiegenlieder). Es war z.T. auch üblich, das Christkind in der Kirche durch alle Reihen wandern zu lassen. Man nahm die das Christkind darstellende Puppe in den Arm und wiegte sie wie ein Kleinkind und reichte sie dann an den Nachbarn weiter. Zum Ausdruck kam, was das „Kaschubische Weihnachtslied“ von Werner Bergengruen (1892 - 1964) so formuliert: „Wärst du, Kindchen, im Kaschubenlande, wärst du, Kindchen, doch bei uns geboren! Sieh, du hättest nicht auf Heu gelegen, wärst auf Daunen weich bettet worden.“ Die Gemeinde demonstrierte anschaulich: Wir feiern zwar jetzt die Geburt Christi, der unter die Seinen kam, die ihn - im Gegensatz zu uns heute - aber nicht aufnahmen. Der Kölner Ratsherr Weinsberg berichtet in seinen Aufzeichnungen für 1560, er habe „das Kindlein zierlich an den heiligen Tagen gewiegt, denn wir sind alle Abend beieinander gewesen, bald hier, bald da und haben gesungen“. Weihnachten fand in der Kirche statt; nicht die einzelne Familie, sondern die Gemeinde der Christen feierte gemeinsam. Übrig geblieben aus dieser Zeit sind die weihnachtlichen Wiegelieder und die Krippe, die dann sich noch zu einer dreidimensionalen statischen Inszenierung ausweitete.

Entwicklung von der Reformation bis heute

Die aufkommenden reformatorischen Weihnachtslieder wenden sich ab von den kirchlichen Krippenfeiern und ihren Elementen und hin zu einer familienzentrierten besinnlichen Feier. Im 19. Jahrhundert entsteht eine eigene weihnachtliche Hausmusik. Die Jugendbewegung prägt dann eine neue Art des Weihnachtsliedes, ehe die Nationalsozialisten das Weihnachtslied zu vereinnahmen suchen. Ein ganz eigenes Spektrum haben die Weihnachtslieder aufgetan, die heute Kindergarten- und Schulkinder ansprechen: Schnee, Lichtsymbolik, Geschenke und ein mystisch-märchenhaftes Umfeld bilden ein auch für Nichtchristen betretbares Feld. Leicht kann dabei aber das christliche Proprium des Weihnachtsfestes verloren gehen.

Kommerzielle Weihnachtslieder

In den USA seit den 30/40er Jahren, in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg, entwickelt sich ein eigener kommerzieller Weihnachtsliedermarkt: Klassische Weihnachtslieder, neue auf alt, alte auf neu getrimmt, Popsongs und der „Weihnachtsrap“ - für jeden Geschmack bieten diese standardisierten abspielbaren Fassungen etwas an. Daneben, fast unbemerkt von den Massen, entwickeln sich als zartes Pflänzchen seit 1945 aber auch neue Weihnachtslieder, die die „alte“ Weihnachtsbotschaft neu zu fassen suchen.

© Manfred Becker-Huberti

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