Nicht einfach nur ein Markt - Die typisch deutschen Weihnachtsmärkte

„Mit ihrem kulturellen, sozialen und traditionsbildenden Charakter sind die deutschen Weihnachtsmärkte ein fester Bestandteil jeder örtlichen Gemeinschaft und bilden den gesellschaftlichen Höhepunkt des Jahres. Ihre einzigartige Atmosphäre zieht jährlich Millionen Besucher aus nah und fern in die festlich geschmückten Innenstädte: Hier treffen sich Familien, Freunde und Arbeitskollegen zu fröhlichen Stunden bei Glühwein und Mandelduft. Gerade in der Weihnachtszeit wollen viele Menschen ihre Freude miteinander teilen – die Weihnachtsmärkte sind der ideale Platz dafür. Wir Schausteller sind stolz, diese Tradition lebendig zu erhalten und auf ihren christlichen Ursprung hinzuweisen.“                                                                                                                                                                 Albert Ritter, Präsident des Deutschen Schaustellerbundes e. V.

© Peter Wieler, Essen Marketing GmbH

Der Ursprung

Märkte in der Vorweihnachtszeit dienten einmal dazu, die Dinge zu kaufen, die man für den Winter und die in dieser Zeit liegenden Feiertage für den Haushalt, den Stall oder die Werkstatt brauchte. Im 14. Jahrhundert wurde das vorweihnachtliche Angebot erweitert: Es kam der Brauch auf, zusätzlich Handwerkern wie zum Beispiel Spielzeug­machern, Korbflechtern, Zuckerbäckern u.a. zu erlauben, Verkaufsstände auf dem Marktplatz zu errichten. Hinzu kamen bald auch andere Anbieter, z.B. Bauern, die in arbeitsfreien Zeiten Spielzeug oder Weihnachtsbaumschmuck herstellten und auf den Weihnachtsmärkten verkauften, um ihre Haushaltskasse aufzubessern. Diese Märkte fanden meist um die Mitte des Advents statt und dauerten etwa eine Woche oder begrenzten sich auf ein oder zwei Sonntage.

Die Märkte verloren ihren praktischen Charakter und gewannen Erlebnniswert

Schon damals wurde auch das leibliche Wohl der Marktbesucher berücksichtigt: Es gab geröstete Kastanien, Nüsse und Mandeln zum Schnabulieren. Im 14. bis 17. Jahrhundert waren die Weihnachtsmärkte wohl kaum ein Wirtschaftsfaktor, die mit ihrem Umsatz das Bruttosozialprodukt steigerten. Sie hatten nicht den Erlebniswert heutiger Weihnachtsmärkte, sondern dienten schlicht der Beschaffung notwendiger Utensilien.

Im 18. und 19. Jahrhundert war die Attraktivität der Weihnachtsmärkte dahin und zahlreiche Märkte wurden aufgegeben. Erst im 20. Jahrhundert, als die Weihnachtsmärkte nicht mehr der bloßen Beschaffung von Utensilien dienten, sondern einen eigenen Erlebniswert erhielten, der Unterhaltung und dem Vergnügen dienten, stabilisierten sich diese Märkte nicht nur, sondern entstanden in weiteren Städten, auf Bürgen, Klöstern und Museen. Neben den Bastlern, die früher schon das kommerzielle Angebot ergänzten, erschienen nun auch gemeinnützige und karitative Organisationen mit Angeboten.

 

© Peter Wieler, Essen Marketing GmbH

Ein deutsches Kulturgut

Zu den bekanntesten Weihnachts­märkten gehören der Nürnberger Christkindlesmarkt (seit dem 17. Jahrhundert belegt), der Münchener Christkindlmarkt (1310 erstmals erwähnt) und der Dresdner Striezelmarkt (1434). Allein der Nürnberger Christkindlesmarkt verzeichnet zurzeit rund zwei Millionen Besucher pro Jahr. Die Weihnachtsmärkte gelten heute als „typisch deutsch“, weshalb sie vor allem Menschen aus dem benachbarten Ausland anziehen: Niederländer, Belgier, Franzosen und Briten stellen im Westen Deutschlands große Besucherkontigente, die mit Bussen als Tagesgäste anreisen, um die „deutsche Weihnachtsromantik“ vor Ort zu erleben. Und weil die so attraktiv zu sein scheint, werden „echt deutsche Weihnachtsmärkte“ inzwischen zum Beispiel auch in London aufgebaut und betrieben.

Weil die modernen Weihnachtsmärkte fast ausschließlich nur noch Event-Charakter haben, treffen sie den Geschmack des Publikums und weiten die Zeit ihres Auftritts immer weiter aus. War der Montag nach dem Totensonntag, also der letzte Montag vor der Adventzeit, einmal der früheste Starttermin für Weihnachtsmärkte, hat die Konkurrenz der Städte untereinander dazu geführt, dass die Weihnachtsmärkte zum Leidwesen der Kirchen immer früher beginnen. Der ursprüngliche Sinn der Weihnachtsmärkte bietet vielfach nur noch eine Hintergrundfolie.

© Manfred Becker-Huberti

Der Aufstieg des Rauschgoldengels

Die Legende vom Rauschgoldengel ist ein Beispiel dafür, wie ein Angebot des Weihnachtsmarktes den Zeitgeist treffen und dann zu einem großen wirtschaftlichen Erfolg werden konnte. Falls diese Legende nicht der Wahrheit entspricht, so schafft sie aber doch eine Erklärung, die ein jeder gern anzunehmen bereit ist. Für viele Menschen gehört der Rauschgoldengel auch heute noch zu einer der unerlässlichen Weih­nachtsrequisiten. Es gibt sie in beachtlicher kunsthandwerklicher Qualität und als standardisierte Massenware. Der Legende nach soll der Rauschgoldengel, der eher das Christkind als einen Engel dar­stellt, im 17. Jahrhundert in Nürnberg ent­standen sein. Einem Handwerksmeister war die kleine Tochter gestorben. Dem un­tröstlichen Mann erschien das Kind im Traum in engelgleicher Ge­stalt, bekleidet mit einem goldenen Kleid in Altnürnberger Tracht und einer hohen goldenen Goke­leshaube. Anstelle der Arme hatte das Kind zwei große goldene Flügel. Der Vater schnitzte das Gesicht des Mädchens aus Holz nach, aus feingewalztem Messing­blech, Rauschgold genannt, erstellte er Kleid und Haube und befestigte goldene Flü­gel auf dem Rücken der Figur. Freunde überredeten den Handwerker, Duplikate der Figur anzufertigen und auf dem Weihnachtsmarkt zu verkaufen, wo sie reißenden Absatz fanden und ihren Hersteller zu einem reichen Mann werden ließen.

© Manfred Becker-Huberti

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