Wunschzettel - Bestellte Geschenke

© Hellwig/Adveniat

Bis zur Reformation war das Kinderbeschenken überhaupt nicht mit Weihnachten verbunden. Kinder wurden vom heiligen Nikolaus am Nikolausabend, dem 5. Dezember, beschenkt. Erst als das Schenken vom Nikolausabend auf Weihnachten (24.12.) übertragen wurde, entstand die Familienweihnacht, bei der das Schenken eine wichtige Rolle spielt.

Aufkommen des Wunschzettels

Im Biedermeier des 19. Jahrhunderts bürgerte sich der „Wunschzettel“ ein, mit dem Kinder des gehobenen Bürgertums ihre Eltern als Vermittler gegenüber dem Gabenbringer einsetzten. Dieser neue Brauch wird durch sein materielles Interesse an den „richtigen“ Geschenken gekennzeichnet, der besitzenden Kreisen vorbehalten war. Vom Einkehrbrauch zu Nikolaus ist hier nur noch die Form erhalten, der Brauchgehalt ist verschüttet. In Köln schrieben die Kinder einen Wunschzettel an den heiligen Nikolaus, den sie in einem besonderen Beichtstuhl im Dom einwarfen, auf dem der heilige Nikolaus mit Schülern im Pökelfass abgebildet war. Auch heute schreiben Kinder noch an den Nikolaus oder das Christkind, vielfach auch an den Weihnachtsmann Wunschzettel. Die Wunschzettel gelangen jedoch nicht immer direkt an die Eltern.

Direkte Wunschzettel 

In ihrem Bestreben, den Adressaten aber auch wirklich - unter Ausschluss der eigenen Familie, die ja immer wieder Selbständigkeit fordert - selbst ausfindig zu machen, schrecken Kinder vor technischen Herausforderungen nicht zurück. Wenn ein Ort schon so heißt, so denken die Kinder wohl, wird der Gabenbringer, der als heiliger Mann ja schließlich über Wunderkräfte verfügt, nicht weit sein. „Moderne“ Kinder benutzen die Post und adressieren zum Beispiel „An den heiligen Nikolaus“ oder „An das himmlische Postamt“.

"Weihnachtspostämter"

Briefe dieser Art gelangen an eins der neun deutschen „Weihnachtspostämter“ mit einschlägigem Namen: 16798 Himmelpfort, 21709 Himmelpforten, 31137 Himmelsthür, 31535 Himmelreich, 49681 Nikolausdorf, 51766 Engelskirchen, 66351 St. Nikolaus/Saar, 97267 Himmelstadt und 99706 Himmelsberg. Die Kinder erhalten von hier zwar keine Geschenke, wohl aber eine Antwort: Diese Postämter halten vorgefertigte illustrierte Antworten und Briefmarken mit Sonderstempel bereit.

Moderne Wunschzettel

Wenigstens 150 Jahre lässt sich der Brauch, an das Christkind oder den Weihnachtsmann Wunschzettel zu schreiben, zurückverfolgen. Während in schlechten Zeiten Wünsche nach neuen Spielsachen eher hinter den Wünschen nach Reparatur alter, defekter oder beliebter Spielsachen zurückstehen, sind heute die Wünsche eher „marktkonform“: Gewünscht wird, was es auch im Handel zu kaufen gibt. Die entsprechende Beschreibung aus dem Katalog liegt u. U. dem mit dem Computer geschriebenen Wunschzettel praktischerweise gleich bei. Um die Jahrhundertwende wurde der Wunschzettel auf vorgedruckte, kunstvoll dekorierte Karten mit farbig illustrierten Vorderseiten geschrieben. 

Zeichen der Kommerzialisierung?

Kann man etwas gegen diese Wunschzettel haben? Eigentlich nicht, allerdings mit einem kleinen „aber“. Wäre Weihnachten nur ein Fest des „Habens“ – eine Konsumorgie des Haben Wollens, dann wäre das ein armes Fest. Schenken wäre dann so lauwarm wie ein halbgarer Festtagsbraten aus der Tiefkühltruhe. Die Geschenke von Weihnachten sollten ursprünglich auf etwas hindeuten. Auf DAS Weihnachtsgeschenk: Gott hat sich uns unverdient geschenkt.

Geschenke, die wir Weihnachten verschenken, sollen diese Freude weitergeben. Ihren Wert bemisst man nicht mit Euro, bei ihnen geht es nicht um Statuserhalt und aktualisierte life-style-Ausstattung. Wenn wir das bedenken, wird das Schenken zwar nicht einfacher, aber es nimmt den Druck weg, den uns die Mitmenschen und die Wirtschaft gegen Jahresende zumuten.

© Manfred Becker-Huberti

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